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Jubiläumsmarsch nach Bern: «Das steht in der Geburtsurkunde von jedem Schisshüsler»

Seit zwanzig Jahren gibt es die Münsinger Wagenbaugruppe Schisshüsler. Fast genauso lange zieht die Gruppe jedes Jahr anlässlich der Fasnacht mit ihrem Wagen zu Fuss nach Bern. BERN-OST besuchte sechs Männer der Gruppe beim Wagenbau und wollte wissen, wie sie zu ihrem Namen gekommen sind, warum sie nach Bern wandern und welches ihr bisheriges Lieblingsthema war.

Fleissig, lustig und mit vielen Ideen (vl.n.r.): Urs Daschinger, Markus Jordi, Christoph Maurer, Kenny Rickenbach, Mike Graf und Antonio Bauen. (Bild: pg)
Mit eingezogenen Ohren schaffte es das Glückssöili unter dem Käfigturm hindurch. (Bild: zvg)
Besonders viele Reaktionen hat die Gruppe damals als "Wohnzimmer" erhalten. (Bild: zvg)
Der Trojaner, eine Geste an die Stadt Bern, welche jedoch wieder zurück nach Münsingen ging. (Bild:zvg)
Die Truppe zu Besuch im deutschen Münsingen. (Bild: zvg)

Mitten in der Öko-Gärtnerei Maurer wird gehämmert und gesägt: Die Schisshüsler bauen ihren Wagen, um am Donnerstag nach Bern zu ziehen. Begonnen hat alles vor über 20 Jahren mit einer Schnapsidee. Christoph Maurer erinnert sich: «Am Abend vor der Münsinger Fasnacht 2002 griff ich zum Telefon und rief ein paar Freunde an. Wir bauten spontan einen Wagen und nahmen am Samstag am Umzug teil.» Daraus entwickelte sich eine Tradition: Die Konstruktionen – anfangs noch einfach und improvisiert – wurden Jahr für Jahr aufwändiger und kreativer.

 

«Mir gseh Münsige dür näs Härz»

2004 wurde es offiziell: Die Fasnacht in Münsingen stand unter dem Motto «Münsige mit Härz» – vermutlich, weil sie auf den Valentinstag fiel. «Wir haben lange gegrübelt: Rosen? Schokoladenherzen? Irgendjemand kam dann auf die Idee mit den Herzen der Klotüren», erzählt Antonio Bauen. «Mir gseh Münsige dür näs Härz», fügt Maurer lachend hinzu.

 

Der Name «Schisshüsler» blieb hängen. «Es hat einfach 'gfägt'. Alle hatten die Hosen unten und die gleichen Shorts an, und die Menschen kreischten vor Freude, wenn wir die Türen der Hüsli öffneten», erinnert sich Bauen. Auch in diesem Jahr marschierten die Männer wieder in ihren Schisshüsli an den Fasnachten in Münsingen und Thun mit.

 

Kalt, schwer und doch unverzichtbar

Die Hüsli mögen lustig aussehen, sind aber auch unpraktisch und kalt für zum Laufen. «Das erste Mal war anstrengend», erinnert sich Maurer. «Aber während des Umzugs ist der Adrenalinkick so hoch, dass wir kaum die Temperatur oder die Anstrengung spüren. Nur vor Kurzem, als wir im deutschen Münsingen waren, war es mit minus sechs Grad aber doch echt frisch.»

 

Wie schwer so ein Schisshüsli ist, wissen die Männer nicht. «Das wollen wir gar nicht wissen», lacht Mike Graf. «Sonst trägt es keiner mehr.» Kenny Rickenbach schätzt das Gewicht der Hüsli auf 25 Kilo.

 

Der Marsch nach Bern

2006 marschierten die Schisshüsler erstmals nach Bern. Das Motto in Münsingen war «Münsige Antik». Da die Gemeinde kein Budget für einen Kulturbeitrag an die Stadt Bern hatte, kombinierten die Schisshüsler die Themen und bauten ein trojanisches Pferd, das sie dem damaligen Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät überreichten.

 

«Für den Zug des hölzernen Pferdes nach Bern suchte Christoph Maurer Helfer bei der Feuerwehr», erinnert sich Markus Jordi. «Gerade startbereit, ertönte der Alarm – und die starken Hände waren weg.» Glücklicherweise war es kein grosser Einsatz, und eine Stunde später konnte die Gruppe losziehen.

 

Bern nahm das trojanische Pferd an – doch bereits am Montag klingelte Maurers Telefon: «Die Stadt hatte keine Verwendung dafür. Es war dann doch etwas zu ‘lützu’ gebaut, um es auf einen Spielplatz zu stellen.» Was jedoch blieb: Seitdem haben die Schisshüsler jedes Jahr am Fasnachts-Freitag um 11 Uhr eine Audienz beim Stadtpräsidenten. Ob das auch mit der neuen «Stapinne» klappt, ist noch unsicher.

 

Das unglaubliche Gefühl

Trotz aller Widrigkeiten marschieren die Schisshüsler Jahr für Jahr nach Bern. «Das muss einfach sein», lacht Mike Graf. «Das steht quasi in der Geburtsurkunde von jedem Schisshüsler.» Christoph Maurer ergänzt: «Das Gefühl, wenn wir über die Kirchenfeldbrücke laufen, ist unglaublich.»

 

Jedes Jahr birgt die Route neue Herausforderungen: Ist der Wagen zu breit für den Weg aus der Werkstatt? Passt er unter der Zugunterführung zwischen Münsingen und Rubigen hindurch? Oder durch das Tor beim Käfigturm? Hie und da musste die Konstruktion etwas leiden, wenn es «mit Anlauf» knapp hindurch passte.

 

Die Gruppe muss sich auch mit dem Verkehr arrangieren. «Gerade mit den Trams ist die Koordination nicht immer einfach, aber Küsu Jordi regelt alles perfekt», sagt Bauen. «Aber die meisten Verkehrsteilnehmer nehmen es locker. Trams klingeln für uns, Lastwagen hupen, Passanten winken und feuern uns an.

 

Bauzeit beginnt nach zehn Monaten Pause

Der Wagen wird jedes Jahr passend zum Motto der Münsinger Fasnacht gestaltet. Anders als viele Guggen beginnen die Schisshüsler aber nicht direkt nach der Fasnacht mit dem neuen Projekt. «Uh nein, wir brauchen erst mal zehn Monate Erholung», lacht Maurer. «Erst in der Altjahrswoche wird losgebastelt.» - «Wir basteln nicht - wir bauen!» korrigieren ihn die Kollegen prompt. Jeder bringt sein Können mit ein, vom Planen zum Sägen über die Spezialeffekte bis hin zum perfekten Anstrich.

 

Der Karren bleibt jedes Jahr derselbe und wird nach der Fasnacht zurückgebaut. Besonders das Holz wird oft wiederverwendet. Zum Jubiläum 2025 setzen die Schisshüsler erneut auf ihr Ursprungsdesign: das Schisshüsli. Doch die fünf alten Hüsli gibt es nicht mehr. «Wir haben sie neu gebaut», erklärt Kenny Rickenbach. «Jedes ist gleich und doch individuell.» Ob sie nach der Fasnacht wieder auseinandergenommen werden? «Jeder nimmt seins mit nach Hause», scherzt Rickenbach.

 

Lieblingssujets und Spezialeffekte

Beim Blick in die Werkstatt stossen die Männer auf heitere Erinnerungen. Besonders das Glücksschwein vom letzten Jahr sei optisch ein Highlight gewesen. Am meisten Reaktionen gab es jedoch auf die Sessel-Kostüme, auf die sich Besucher setzen konnten. Unvergessen bleibt auch der Auftritt als Friedenstauben: «Das war speziell», erinnert sich Bauen. «Nur wurde einer unserer 'Tauben' schon nach wenigen Metern von der Drehfunktion übel.»

 

Besonders bekannt sind die Schisshüsler für ihre Spezialeffekte. Sie druckten ihre Homepageadresse auf die Strasse, verteilten Blue Curaçao aus WC-Enten als Schissuro oder servierten Käsehäppchen auf Mausefallen, «no risk no fun».

 

Unterstützung auf dem Weg statt in der Gruppe

Während sie gerne die Besucher an der Fasnacht «bedienen», ist ihre Verpflegung auf ihrem Weg immer weniger geworden, denn die Restaurants entlang der Route sind mittlerweile fast alle geschlossen. «Nach dem teilweise ersten Stopp nach 20 Metern beim Bären in Münsingen gibt es lange Zeit nichts mehr. Früher war beispielsweise noch die Krone in Rubigen oder der Hirschen in Allmendingen», erzählt Antonio Bauen. Umso mehr freuen sie sich auf dem Weg über jedes spontan von Passanten angebotene Apéro und Unterstützung beim Stossen.

 

Unterstützung benötigen die Schisshüsler sonst keine: Aktuell sind sie 15 Männer, mal mehr, mal weniger. «Der harte Kern bleibt», meint Jordi. «Solange wir wollen, gibt es uns», sagt Maurer. Auch Graf stimmt zu: «und wenn es so weit ist, gehen wir auch mit dem Rollator nach Bern – aber niemals mit Motorunterstützung!» «…üsi Wäge si e Hit, ohni Strom und ohni Sprit» beginnt denn auch der diesjährige Schisshüslersong.

 

Ob Sonne, Kälte, Wind, ob Regen oder Schnee – am am Donnerstag am 6. März 11 Uhr 11 wird das Geheimnis des diesjährigen Wagens gelüftet, wenn die Schisshüsler mit ihrem neuen Schisshüsliwagen nach Bern ziehen.

 

[i] Mehr Bilder und Infromationen finden Sie direkt bei den Schisshüsler


Autor:in
Pascale Groschel, info@bern-ost.ch
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Erstellt: 02.03.2025
Geändert: 02.03.2025
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