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Überfall in Schlosswil: «Ganz vergessen kann ich das nie!»

Die Polizeimeldung war sachlich: Mitte September habe «eine unbekannte Täterschaft die Bewohnenden eines Einfamilienhauses in Schlosswil beraubt», hiess es. «Eine Person wurde verletzt.» Hinter solch trockenen Meldungen stecken Menschen, die ein Überfall zutiefst erschüttert – so wie Margrit Mosimann-Wyss. Sie erzählt, wie sie mit den Folgen umgeht.

Margrit Mosimann freut sich darauf, dass alles grünt und blüht: Damit rücken die schlimmen Erinnerungen etwas weiter weg. (Foto: cw)

Ein gutes halbes Jahr ist vergangen seit am Montag, 23. September, der Notruf bei der Kantonspolizei Bern einging: In einem Einfamilienhaus in Schlosswil sei es zu einem Raubüberfall gekommen, eine Person sei dabei verletzt worden. Was in der Polizeimitteilung so emotionslos daherkam, hat bei der Betroffenen bis heute tiefe Spuren hinterlassen.

 

Der September-Nachmittag

Noch heute klingt die Stimme von Margrit Mosimann-Wyss bewegt, als sie detailliert erzählt, wie sie diesen Spätnachmittag erlebt hat. Wie sie arglos am Telefon mit ihrem Grossneffen plauderte, als es um zehn nach fünf Uhr an der Haustür klingelte. «Post, ein Päckli», habe ein Mann via Gegensprechanlage gesagt.

 

Eine trockene Meldung ...

Sie habe deshalb ihr Telefonat nur kurz unterbrochen, als sie an die Haustür ging. Das Telefon noch in der Hand, habe sie diese geschwind geöffnet. Und dann sei alles blitzschnell abgelaufen. In der Polizeimeldung hiess es, die mutmasslichen Täter hätten «die Herausgabe von Bargeld gefordert, eine Halskette behändigt» und seien im Anschluss in unbekannte Richtung geflüchtet.

 

... für ein dramatisches Erlebnis

In Margrit Mosimanns Erzählung klingt das wesentlich dramatischer, und man wundert sich, dass die 77-Jährige so gefasst darüber sprechen kann: Wie sie die Tür öffnete, wie drei mit Sturmhauben maskierte Männer sie blitzschnell packten,  «Überfall» riefen und sie gewaltsam ins Haus drängten. Wie sie in einen Pistolenlauf blickte und dann eine gartenbehandschuhte Hand im Mund spürte, mit der sie am Schreien gehindert wurde. Damit nicht genug: «Als ich würgend ‘Hilfe’ hervorstiess, erhielt ich einen Faustschlag ins Gesicht.»

 

«Ich gebe alles!»

Dann hätten die Männer sie von hinten an den Schultern gepackt und die Treppe hinunter gezerrt, erzählt sie, und zeigt auf die steile Wendeltreppe. Sie knallte mit der Schulter gegen das Geländer und müsse dann wohl kurz weggetreten sein, jedenfalls weiss sie nicht mehr genau, wie sie im unteren Stock neben dem Wohnzimmer landete. Nur, dass sie leise geröchelt habe, «keine Luft, ich ersticke!» Und, als die drei Männer nach Geld verlangten, stöhnte sie: «Ich gebe alles!»

 

Oder eben doch nicht …

Das allerdings hörte ihr Mann Ernst Mosimann. Normalerweise ist der 75-Jährige um diese Zeit am Stammtisch im «Kreuz» anzutreffen, weil er aber damals gesundheitlich angeschlagen war, hatte er sich ein wenig aufs Bett gelegt. Als er durch die offene Schlafzimmertür den Lärm hörte, kam er verwundert aus dem Schlafzimmer und sagte forsch: «Äuä chuum, was isch da vorne los!» Dann erfasste er die Situation und rief ihr zu: «Schnell Margrit, geh raus!» Beherzt versetzte er dem Täter, der sie festhielt, einen harten Schlag.

 

Ihr Mann, der Held

Ihr ging noch der Gedanke durch den Kopf: «Jetzt erschiessen sie uns beide!» Stattdessen war sie plötzlich frei, und die drei Männer flüchteten mit dem einzigen, was sie ihr noch abreissen konnten – ihrer goldenen Lieblingshalskette. Als sie jetzt die Szene schildert, huscht trotz allem ein Lächeln über ihr Gesicht. «Zum Glück ist mein Mann gross und imposant», sagt sie, dann strahlt sie: «Er hat mich gerettet, er ist mein Held!»

 

Trotz allem Glück im Unglück

Irgendwann nahm Margrit Mosimann verschwommen wahr, wie plötzlich acht Polizisten im Haus waren und eine Polizistin sich sofort um sie kümmerte. «Erst viel später wurde mir alles so richtig bewusst», erzählt sie heute. Zuerst musste alles sacken: Die Todesangst, der Schock über das brutale Vorgehen. «Es war ein massiver Schlag, so brutal!», wiederholt sie mehrmals. Ihre Augen und die Nase schwollen schmerzhaft an, der Mund war wund und die Schulter schmerzte. Aber noch am selben Abend stellten sie und ihr Mann auch fest, wie viel Glück sie beide in allem Unglück hatten. Ihr Mann habe ihr mehrmals gesagt: «Wir leben beide noch!»

 

Später in der Nacht

Ins Spital wollte Margrit Mosimann nicht. Nachdem ein benachbarter Arzt sie notdürftig verarztet hatte, wurde sie auf den Polizeiposten Worb gefahren und machte ihre Aussage. Erst um halb vier Uhr morgens sank sie erschöpft ins Bett. Ihr Mann fragte: «Wollen wir das Licht brennen lassen?» Sie antwortete: «Nein, wenn wir es jetzt brennen lassen, kann ich nie wieder ohne Licht schlafen!» Erst in der zweiten Nacht holten sie die Emotionen ein: «Morgens um halb drei musste ich erbrechen und sah immer diese Hände, die mich gepackt hielten.» Da kamen die Panik und die Erstickungsangst.

 

Folgen dauern an

Heute kämpft Margrit Mosimann immer noch mit den psychischen Folgen, träumt manchmal unruhig und ist wachsamer geworden. Jedesmal, wenn es an der Tür klingelt, ist sie froh um die neue Sicherheitsanlage. Eine Tatsache, sagt sie tapfer, habe ihr jedoch von Anfang an geholfen: «Die Täter sind nicht ins Haus eingebrochen, sondern ich habe sie selbst hineingelassen – das heisst, ich habe es selbst in der Hand und werde so etwas nie wieder tun.» Sie sei auch immer sehr offen mit dem Erlebnis umgegangen, erzählt sie: Das hilft ihr beim Verarbeiten.

 

Erträglich dank Unterstützung …

In den ersten Tagen nach dem Überfall dachte Margrit Mosimann allerdings noch, sie könne nie mehr Glück empfinden. In dieser Zeit hätten ihr Familie und Freunde sehr geholfen: «Vor allem meine Tochter Livia stand mir bei und organisierte mir sofort ein Unterstützungsprogramm.» Zuerst Körpertherapie bei Miriam Grolimund von PerformPlus in Richigen, später dann Trauma- und Körperarbeit bei Thomas Lips aus Worb – beide besuchten sie dafür zu Hause – seien ihr eine grosse Hilfe gewesen. «Die Traumatherapie möchte ich heute noch nicht missen.»

 

… und dank Zufall

Manchmal, sinniert sie, komme einem auch unvermittelt etwas Hilfreiches entgegen, das genau zur Situation passt und das man gerade nötig hat. So fiel ihr durch Zufall die Visitenkarte einer Psychiaterin in die Hände, auf welcher der Spruch des Psychiaters Carl Gustav Jung stand: «Ich bin nicht das, was mir passiert ist, ich bin das, was ich entscheide zu werden.» Das gefällt ihr, und kurzum hat sie beschlossen: «Da will ich wieder hinkommen.»

 

Drei Geburtstagsgeschenke und eins zu Weihnachten

Einen grossen Schritt näher kam sie diesem Wunsch, als sie von der Polizei die beruhigenden Meldungen erhielt: Im November wurden drei der mutmasslichen Täter gefasst, im Dezember der vierte Mann – einer von diesen hatte das Haus bei Reinigungsarbeiten ausspioniert und den anderen den Tipp gegeben. «Drei Geburtstagsgeschenke und ein Weihnachtsgeschenk», schmunzelt Margrit Mosimann, die inzwischen sogar ihren feinen Humor wiedergefunden hat. Und sie ist restlos begeistert, wie professionell die Polizei von Anfang an gearbeitet habe. So oft werde Polizeiarbeit kritisiert, sagt sie, und betont mehrmals: «Ich habe sie ausschliesslich positiv erlebt.»

 

Sie wollte unbedingt ins Amtshaus …

Vorbei ist es für sie noch nicht. Bis alle Ermittlungen beendet und die geständigen Täter verurteilt sind, wird es noch dauern– die Vier haben offenbar noch anderes auf dem Kerbholz. Die Mosimanns wurden gefragt, ob sie über den Verlauf informiert werden wollen. Er verneinte, er wolle damit abschliessen und nichts wissen. Sie wollte alles verarbeiten und alles genau wissen. Mehrmals ist sie seither in die Polizeizentrale am Schermenweg und ins Amtshaus nach Bern gefahren.  

 

… und den Tätern etwas sagen

Die vier Anwälte der Beschuldigten wollten noch einmal alles von ihnen hören, «also habe ich die Geschehnisse noch einmal und noch einmal geschildert». Ihr Mann fand, jetzt möge er das nie mehr erzählen. Deshalb liess sich Margrit Mosimann jeweils von ihrer Tochter oder von einer Freundin begleiten. «Allein hätte ich das nicht geschafft.» Klar, nickt sie, bei all diesen Anhörungen habe sie alles nochmal durchlebt. Aber: «Lustigerweise war ich immer wahnsinnig ruhig.»

 

«Schämen Sie sich nicht?»

Sie hat sich sogar vorher überlegt, wie sie den Angeschuldigten begegnen wolle. Und bei jedem einzelnen erhob sie ihre Stimme, als sie bei der Einvernahme nach dem Plädoyer des Staatanwalts gefragt wurde, ob sie etwas dazu sagen möchte. Sie habe jeden von ihnen gefragt: «Sie haben alle Vater und Mutter – was würden Sie sagen, wenn Ihren Eltern das angetan würde?» Und bei demjenigen, der ihr Haus ausspioniert hatte, fügte sie hinzu: «Schämen Sie sich nicht: Sie sassen bei uns am Esszimmertisch und haben von mir Znüni, Zmittag und Zvieri erhalten.»

 

Akzeptieren ja, vergeben nein

Die Männer hätten betreten dreingeschaut. «Und sie alle haben sich entschuldigt», sagt Margrit Mosimann zufrieden. Es sei in Ordnung, die Entschuldigung könne sie akzeptieren. «Aber vergeben kann ich nicht.» Sie hofft, dass die Männer, alle zwischen 33 und Mitte 40, so etwas nie mehr machen und etwas daraus lernen. Sie weiss, dass jeder der Täter im Leben seine Probleme hat, und hat auch Mitgefühl, und trotzdem packt sie immer wieder die Wut. Insgesamt jedoch hätten ihr die Begegnungen gutgetan. «Sie haben mich aufgewühlt, mir aber auch geholfen zu verarbeiten.»

 

Ins Leben zurückgekämpft

Inzwischen, sagt Margrit Mosimann, seien Vertrauen und Lebensfreude wieder zurückgekehrt. «Ich habe mich ins Leben zurückgekämpft!» Immerhin ist das Goldarmband, mit dem sie die Goldkette verlängern konnte, wie durch ein Wunder beim Abreissen durch das Zimmer geflogen und später im Nebenzimmer am Boden wieder aufgetaucht. So ist ihr ein Stück ihres Lieblingsschmucks geblieben, während die Kette selbst wahrscheinlich längst versetzt wurde.

 

Warten auf die Urteilsverkündigung …

Inzwischen fährt Margrit Mosimann wieder nach Worb zum Einkaufen, ohne ständig zu fürchten, irgendwo könnte sie eine böse Überraschung erwarten. Sie freut sich auf den Frühling und den Sommer, wenn in ihrem Garten alles grünt und blüht, und hofft, dass ihr die Therapie zu noch mehr innerer Stärke verhilft. Und sie wartet auf die Nachricht, wann die Männer verurteilt werden. Bei der Urteilsverkündigung, das ist gewiss, will sie ich wieder dabei sein. «Und danach kann ich vieles weglegen», hofft sie. «Aber ganz vergessen kann ich das nie!»  

 

… und achten, wem man die Tür öffnet

Insgesamt hat sie das Gefühl, sie habe alles recht gut im Griff. «Ich habe einen guten Boden.» Die vielen Gespräche mit Verwandten, Bekannten und Nachbar:innen haben ihr sehr geholfen. Und ihre offenen Schilderungen haben wiederum den Leuten geholfen. Margrit Mosimann nickt und sagt, ein paar Leute hätten sich inzwischen eine neue Sicherheitskette für die Haustür bestellt. «Jetzt achten wohl einige besser darauf, wem sie die Tür öffnen.»


Autor:in
Claudia Weiss, claudia.weiss@bern-ost.ch
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Erstellt: 02.04.2025
Geändert: 02.04.2025
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